Was in unserer Macht steht — und was uns kontrolliert
Stoische Gelassenheit als Antwort auf eine überforderte Gegenwart
Der Mythos der Kontrolle
Ein voller Posteingang, ein dicht getakteter Kalender, eine Nachrichtenlage, die von einer Krise zur nächsten geht – wer sich in dieser Beschreibung wiedererkennt, kennt auch das Gefühl, ständig auf zu vieles gleichzeitig reagieren zu müssen. Ein Großteil dieser Anspannung entsteht jedoch nicht durch die Sache selbst, sondern durch den Versuch, Dinge zu beeinflussen, die sich unserem Einfluss von vornherein entziehen. Die Stoa, eine der einflussreichsten Philosophenschulen der Antike, hat für dieses Problem vor zweitausend Jahren ein klares Prinzip formuliert: Es gibt Dinge, die in unserer Macht stehen, und Dinge, die es nicht tun. Die Kunst liegt darin, zwischen beidem zu unterscheiden.
Die Leitunterscheidung der Stoiker
Epiktet, der als Sklave geboren wurde und später einer der einflussreichsten Lehrer der stoischen Philosophie wurde, verdichtete seine gesamte Philosophie auf die wiederkehrende Frage: Liegt das, was mich beschäftigt, in meiner Macht – oder nicht?
| In unserer Macht | Nicht in unserer Macht |
|---|---|
| Unsere Gedanken | Die Meinung anderer über uns |
| Unsere Absichten | Unser Ruf oder gesellschaftlicher Status |
| Unsere Entscheidungen | Besitz und Gesundheit |
| Unsere Reaktionen | Weltgeschehen, Wetter, Zufall |
Ein erheblicher Teil unserer Energie fließt heute in die rechte Spalte dieser Tabelle: in den Versuch, ein bestimmtes Bild von uns zu vermitteln, eine Karriereentwicklung zu erzwingen oder die Zukunft im Voraus abzusichern. Das Ergebnis ist eine Form von Erschöpfung, die daher rührt, dass wir gegen etwas ankämpfen, das sich grundsätzlich nicht bezwingen lässt.
Warum uns die Dinge stressen
Epiktet formulierte den entscheidenden Gedanken so:
„Nicht die Dinge selbst beunruhigen uns, sondern unsere Auffassungen über sie.“
Epiktet, Enchiridion 5
Ein Stau ist ein einfaches Beispiel dafür. Die erste Reaktion darauf kann Ärger sein. Hinzu kommt unsere Bewertung, dass dies ungerecht sei und wir deswegen jetzt zu spät kommen. Aus stoischer Sicht ist der Stau jedoch ein Ereignis außerhalb unserer Macht, während unsere Reaktion darauf – das Fluchen, die Anspannung, der erhöhte Blutdruck – in unserer Macht liegt. Wer den Stau als neutrales Faktum akzeptiert, kann die Zeit für einen Podcast oder eine bewusste Atemübung nutzen, statt sie mit Ärger zu verbringen.
Zugegeben, ich fahre selten Auto, dafür umso öfter mit der Bahn. Auch da kann ich mittlerweile über halbstündige Verspätungen hinwegsehen. Wenn die Bahn-App jedoch aus der Reihe tanzt und nur wenige Züge wie angekündigt fahren, brauche ich eine Extraportion stoischer Gelassenheit, um das übliche Bahnchaos zu ertragen.
Eine Übung für den akuten Moment
Für Situationen, in denen ein belastender Gedanke oder ein stressiges Ereignis unmittelbar auf uns einwirkt, lässt sich aus diesem Prinzip eine konkrete Übung ableiten, die sich in drei Schritten vollzieht.
- Der erste Schritt schafft Distanz: Man hält sich vor Augen, dass der aufkommende Gedanke nur ein Eindruck ist, kein Faktum – ein Unterschied, der oft schon für sich genommen entlastend wirkt.
- Im zweiten Schritt erfolgt die eigentliche Prüfung: Geht mich das, was mich gerade beschäftigt, tatsächlich etwas an? Liegt es in meiner Macht, etwas daran zu ändern? Wenn ja, folgt Handeln.
- Wenn nicht, folgt der dritte Schritt, die Umdeutung: Es geht mich nichts an – nicht im Sinne von Gleichgültigkeit, sondern als nüchterne Feststellung, dass ich hier keinen Einfluss habe.
Das Ziel: Ataraxia – innere Unerschütterlichkeit
Wer diese Unterscheidung regelmäßig übt, gewinnt eine unerschütterliche innere Ruhe, die die Stoiker als Ataraxia bezeichneten. Diese Ruhe bedeutet nicht, dass uns nichts mehr berührt, sondern dass wir uns von Enttäuschungen weniger leicht aus der Bahn werfen lassen, da unsere Erwartungen nicht mehr an äußeren Dingen hängen. Dadurch gewinnen wir Energie zurück, die zuvor im Kampf gegen Unveränderliches gebunden war. Letztlich werden wir handlungsfähiger, wenn wir unsere Kraft auf das konzentrieren, was wir tatsächlich beeinflussen können. Ataraxia ist also kein passives Erdulden, sondern eine Form der Selbstbestimmung.
Weniger kontrollieren, mehr leben.
Stoische Gelassenheit bedeutet keinen Rückzug aus dem Leben, sondern eine Verschiebung der Aufmerksamkeit: weg von der Welt, die sich nicht steuern lässt, hin zur eigenen Reaktion, die sich steuern lässt. Wer lernt, seine Energie so gezielt einzusetzen wie ein Gärtner, der nur die Pflanzen gießt, die er auch ernten kann, gewinnt eine Form von Freiheit zurück – die Freiheit, nicht mehr von Dingen abhängig zu sein, über die man ohnehin keine Macht hat.
Zum Ausprobieren
- Welche drei Dinge belasten Sie in dieser Woche am meisten?
- Liegen sie tatsächlich in Ihrer Macht – oder nicht?
- Wenden Sie den Eindrucks-Check auf eines davon an. Distanz schaffen, prüfen, gegebenenfalls umdeuten.

Wer tiefer in die antike Philosophie der Lebenskunst einsteigen möchte, findet einen ausführlichen Zugang dazu in meinem Buch.
Lebenskunst in der Antike.
Rezeptfreie Methoden von Pythagoras bis Boethius.
Erschienen 2024.
Philosophische Begleitung für mehr Klarheit: Die Fragen der antiken Lebenskunst sind heute genauso relevant wie damals. Wenn Sie diese Themen vertiefen und für Ihr eigenes Leben oder Ihre Arbeit nutzen möchten, begleite ich Sie gerne in einem philosophischen Gespräch.
Ein erstes Gespräch ist kostenlos und unverbindlich – ich freue mich auf Ihren Impuls.