Soziale Erschöpfung verstehen: Was mich an François Dubets Soziologie der Erfahrung fasziniert
Warum Dubet?
Jeden Tag entscheiden wir uns für oder gegen etwas: Wer wir sind, wofür wir stehen, was uns gefällt, was wir wollen oder ablehnen. Innerlich scheint uns das oft klar – und doch verlangt unser Leben immer wieder die konkrete Auseinandersetzung mit genau diesen Fragen, ohne dass es eine Gebrauchsanweisung dafür gäbe.
Genau das ist die Ausgangslage, die François Dubet in seiner Soziologie der Erfahrung beschreibt. Sie ist für mich ein zentraler theoretischer Impulsgeber, um zu verstehen, wie wir als Individuen heute soziale Realität verarbeiten – und warum sich Menschen am Ende des Tages oft gegen kollektive Perspektiven entscheiden.
Früher übernahmen Institutionen wie Schule, Kirche oder Familie einen großen Teil dieser Arbeit für uns. Heute verlieren sie jedoch zunehmend ihre bindende Kraft. Die Folge ist, dass Sinnstiftung zur Daueraufgabe des Subjekts wird. Dubets Arbeiten helfen mir, diese Dynamik in meinem Buch greifbar zu machen.
Warum haben Institutionen ihre Kraft verloren?
Früher boten staatliche und gesellschaftliche Institutionen integrale Programme: feste Bindungsmuster und Rollen, die eine klare Orientierung gaben. Wer in die Kirche ging, wusste, welche Werte galten. Wer eine Lehre machte, wusste, welcher Karriereweg vor ihm lag. Heute haben diese Institutionen ihre einigende Kraft weitgehend verloren – ein Befund, dem Dubet ein eigenes Buch gewidmet hat: „Le Déclin de l’institution”. Die Folge ist, dass die Aufgabe der sozialen Einbindung vollständig in das Subjekt verlagert wird.
Warum wird Urteilen heute zur Arbeit?
Weil es keine einheitliche gesellschaftliche Ordnung mehr gibt, müssen wir unsere soziale Welt selbst strukturieren. Für Dubet ist das eine normative Aktivität: Wir müssen unsere Form der Einbindung in die Gesellschaft selbst erschaffen. Jedes Mal, wenn wir urteilen, ob ein Verhalten „angemessen, gut oder gerecht” ist, leisten wir diese Arbeit – meist ohne es zu merken.
Ein Beispiel: Eine Mitarbeiterin überlegt, ob sie sich bei einer ungerecht verteilten Gehaltserhöhung beschweren soll. Es gibt keine Instanz mehr, die ihr eindeutig sagt, ob das angemessen ist. Sie muss ihren Einsatz, ihre Arbeitszeit und die Komplexität ihrer Aufgaben selbst mit ihrem Lohn abwägen. Was schuldet sie dem Team? Was schuldet sie sich selbst? Was bringt sie weiter? Genau das ist normative Arbeit – sie passiert ständig, zumeist allein und im Stillen.
Für Dubet ist das kein passives Ereignis, sondern das Ergebnis einer kognitiven Tätigkeit. Wir müssen unsere soziale Realität aktiv verarbeiten, um in einer nicht kohärenten Umgebung handlungsfähig zu bleiben.
Was macht dieses Urteilen so anstrengend?
Es ist mühsam, weil wir ständig zwischen widersprüchlichen Anforderungen vermitteln müssen, ohne eine universelle Letztbegründung, an der wir uns festhalten könnten.
Wie können wir Zugehörigkeit, Wettbewerb und kritische Distanz miteinander vereinbaren?
Im Alltag müssen wir drei Handlungslogiken vereinen: Integration (Zugehörigkeit), Markt (Wettbewerb um Ressourcen) und Subjektivierung (kritische Distanz). Im Berufsleben sollen wir verlässliche Teamplayer sein (Integration). Gleichzeitig konkurrieren wir mit Kollegen um die nächste Beförderung (Markt). Und nebenbei möchten wir uns von einer Unternehmenskultur distanzieren können, die wir für fragwürdig halten. Diese drei Logiken widersprechen sich oft, und niemand löst den daraus entstehenden Widerspruch für uns auf. Die Synthese müssen wir selbst leisten, jeden Tag neu.
Wonach sollen wir uns richten, wenn Gleichheit, Leistung und Autonomie einander widersprechen?
Beim Urteilen stoßen wir außerdem auf eine Polyarchie konfligierender Prinzipien. Soll die Beförderung nach Dienstjahren (Gleichheit) gehen, nach Ergebnissen (Leistung) oder danach, wer sich am meisten für eigene Projekte einsetzt (Autonomie)? In ihrer reinen Form schließen sich diese Prinzipien oft gegenseitig aus. Normative Arbeit bedeutet, sie in der konkreten Situation irgendwie zusammenzubringen – in dem Wissen, dass es keine perfekte Lösung gibt. Dubet hat diese drei Prinzipien in einer großen empirischen Studie zum Ungerechtigkeitsempfinden am Arbeitsplatz untersucht.
Warum fühlt sich jede Entscheidung wie eine Rechtfertigung an?
Jede Entscheidung – „Sollte ich protestieren?”, „Lohnt sich der Streit mit dem Vermieter?” – erfordert Urteilskriterien, die wir permanent selbst prüfen und anwenden müssen. Dubet zufolge führen dieser normativen Aktivitäten auf Dauer zu sozialer Erschöpfung.
Wie kommen wir von der Erschöpfung zur Handlungsmacht?
In meinem Buch greife ich auf Dubets Theorie zurück, um zu zeigen, wie wir unsere soziale Welt aktiv ordnen, bewerten und rechtfertigen – und welche Auswirkungen das auf unsere Fähigkeit zum kollektiven Handeln hat. Ein besonders wichtiger Punkt ist für mich dabei Folgendes:
Die Mehrarbeit des Urteilens führt oft dazu, dass Menschen ihre Energie darauf verwenden, ihre eigene Situation zu rechtfertigen – Dubet fasst das unter der Überschrift „Mir geht es doch gar nicht so schlecht” zusammen –, statt sie in kollektive politische Projekte zu investieren. Wer den ganzen Tag damit beschäftigt ist, die eigenen widersprüchlichen Lebenslagen stimmig zu halten, hat schlicht keine Kapazität mehr übrig, um sich mit anderen zu solidarisieren.
Die Last der normativen Arbeit ist real und betrifft uns alle, auch wenn wir sie selten als das benennen, was sie ist. Doch genau darin liegt eine Chance: Wenn wir verstehen, wie wir unsere soziale Welt aktiv gestalten, können wir auch gezielter nach neuen Formen der Zusammenarbeit suchen – jenseits von Resignation oder Überforderung.

In meinem Buch gehe ich der Frage nach, ob es so etwas wie kollektive Abkürzungen für diese individuelle Erschöpfung geben kann. Räume, in denen die normative Arbeit nicht mehr jeder allein leisten muss. Mehr dazu in meinem Buch über die postpolitischen Konstellationen.