Situiertes Wissen: Donna Haraway zeigt uns, dass Wahrheit immer einen Standort hat
Es gibt heute eine spürbare Kluft zwischen der Art, wie die Welt dargestellt und propagiert wird, und dem, wie wir sie tatsächlich erleben. Prekarität, Diskriminierung und der ganz normale Alltagsstress tauchen in den großen Erzählungen oft einfach nicht auf.
Viele Menschen fühlen sich dadurch bevormundet. Zudem haben sie oft nicht die Möglichkeiten und Ressourcen, um in der Flut an Informationen aufzufallen. Ihre Perspektive kommt nicht vor – und findet deshalb auch öffentlich nicht statt. Diese Erfahrung ist Teil dessen, was ich als postpolitische Konstellationen beschrieben habe. Zustände, in denen es an sichtbaren gesellschaftlichen Alternativen fehlt.
Eine der lautesten Stimmen, die dieser Diskrepanz eine alternative Handlungsoption entgegensetzt, ist Donna Haraway. Auf die Frage „Was ist Wahrheit?” antwortet sie nicht mit einem Inhalt, sondern mit einer Verschiebung der Frage selbst: Es geht ihr nicht darum, was richtig ist, sondern von welcher Position aus eine Aussage über Richtigkeit überhaupt formuliert wird. Haraway lehnt die Idee einer unbeteiligten, neutralen Objektivität ab und entwickelt mit ihrer Theorie des situierten Wissens ein Modell kollektiver Selbstermächtigung.
Ich nutze diese Theorie, um Wissen nicht als starre Information von oben, sondern als lebendige, kollektive Praxis zu verstehen.
Der Blick von Nirgendwo: Haraways Kritik an der neutralen Objektivität
Ein zentraler Kritikpunkt Haraways richtet sich gegen die Illusion der klassischen Wissenschaft, einen unbeteiligten, objektiven Blick auf die Welt zu werfen. Diese vermeintliche Neutralität verschleiert oft eine implizite Form von Gewalt, weil sie partikulare – meist privilegierte – Standpunkte zur universellen Wahrheit erklärt. Für den Einzelnen bedeutet das ganz konkret, dass die eigene lokale Realität – etwa soziale Not oder Diskriminierungserfahrungen – in den „objektiven” Statistiken verschwindet, die diese Erfahrungen gar nicht abbilden können.
Genau hier setzt Haraway an: Sie lehnt die Idee einer neutralen, unbeteiligten Objektivität konsequent ab. Ihr Konzept des situierten Wissens besagt, dass Erkenntnis immer an eine bestimmte lokale und soziale Position – Geschlecht, Herkunft, Erfahrung – gebunden ist. Es gibt keine Sicht ohne Standpunkt. Das heißt auch: Nur wer die eigene Begrenztheit anerkennt, kann Verantwortung für die eigene Sichtweise übernehmen. Das ist keine Absage an Fakten, sondern eine positionierte Rationalität. Es bedeutet aber auch, dass wir Verantwortung dafür übernehmen müssen, von wo aus wir sprechen.
Von der privaten Erfahrung zur politischen Stimme
Haraways eigentlicher Vorschlag ist es, eine Brücke zwischen individueller Erfahrung und politischem Handeln zu schlagen. Viele Menschen verarbeiten ihre Erfahrungen mit Ungerechtigkeit heute nur noch privat. Das Gefühl „Mir geht es ja eigentlich noch ganz gut” ist hierfür ein typisches Beispiel. Haraway zeigt einen Weg, wie sich individuelle Perspektiven verknüpfen lassen, ohne ihre Eigenheit zu verlieren.
Durch die Verknüpfung verschiedener Stimmen, die für sich selbst sprechen, entsteht eine kollektive Position – eine Form von Objektivität, die in einer Politik der Erfahrung wurzelt. Haraway bringt es selbst auf den Punkt:
„Die Politik der Differenz, die Feministinnen zu artikulieren haben, muss in einer Politik der Erfahrung verwurzelt sein, die nach Spezifität, Heterogenität und Verbindung durch Kampf sucht, nicht durch psychologische, liberale Appelle an ihre eigenen endlosen Differenzen.“1
Die Cyborg-Metapher: Grenzen überwinden, Bündnisse schaffen
Schon lange vor der heutigen Welt digitaler Vernetzung, künstlicher Intelligenz und biologischer Transformation nutzte Donna Haraway die Figur des Cyborgs als Bild für hybride Identitäten, die alte Dualismen – Mensch/Maschine, Natur/Kultur – sprengen. Der Cyborg bricht starre Identitätskategorien auf und eröffnet neue Möglichkeiten, soziale Beziehungen zu denken. Er fordert uns auf, die Grenzziehungen des Sinnlichen neu zu verhandeln.
Dabei macht Haraway unmissverständlich klar, dass sie eine statische, essenzialistische Identitätspolitik ablehnt. Im Cyborg-Manifest geht es ihr um eine Politik der Affinität. Haraway warnt ausdrücklich davor, dass situiertes Wissen in eine Identitätspolitik abgleitet, die den rationalen Diskurs verlässt. Ein situiertes Wissen in ihrem Sinne bleibt offen, kritikfähig und auf kollektive Erkenntnis ausgerichtet, anstatt nur nach Zugehörigkeit zu suchen.
Haraway will politische Bündnisse entstehen lassen, die aus bewussten Verbindungen, partiellen Perspektiven und Solidarität bestehen. Kurz gesagt: Gemeinsamer Widerstand soll nicht aus biologischer oder sozialer Identität entstehen, sondern aus geteilten politischen Zielen und Wahlverwandtschaften.
Warum situiertes Wissen mehr ist als Identitätspolitik
Identitätspolitik läuft Gefahr, in eine „ideologische Schließung“ zu münden, bei der die eigene Position als unhinterfragbar gesetzt wird. Haraway versteht situiertes Wissen dagegen als positionierte Rationalität. Objektivität entsteht hier nicht durch einen distanzierten Blick von oben, sondern durch die bewusste Verknüpfung verschiedener, begrenzter Perspektiven zu einer kollektiven Sichtweise.
In einer reinen Identitätspolitik wird die Suche nach Wahrheit oft durch das Streben nach Zugehörigkeit ersetzt. Das Ziel ist dann nicht mehr neue Erkenntnis, sondern die Bestätigung der eigenen Identität. Situiertes Wissen bleibt dagegen ein Werkzeug der Wissenschaftskritik: Es zielt darauf ab, die Welt besser zu verstehen, indem es die eigene Standortgebundenheit reflektiert, statt sich hinter ihr zu verschanzen.
Ein kritisches Problem der Identitätspolitik ist der transzendentale Ausstieg aus dem rationalen Diskurs: Die eigene Betroffenheit – etwa Herkunft, Geschlecht oder soziale Lage – wird als Argument herangezogen, um sich einer weiteren Auseinandersetzung zu entziehen. Echtes situiertes Wissen muss sich dagegen im Spiel des Gebens und Nehmens von Gründen beweisen. Es ist ein Ausgangspunkt für Kritik, darf aber nicht dazu führen, dass Argumente nicht mehr reflektiert werden.
Haraway betont dabei, dass es beim situierten Wissen um Gemeinschaften geht, nicht um isolierte Individuen. Ziel ist eine kollektive Position, die Widersprüche aushält. Identitätspolitik wird genau dort problematisch, wo sie den Kontakt zur Infragestellung der eigenen Position verliert und nur noch zur Abgrenzung und sozialen Desintegration genutzt wird.
Zusammengefasst: Situiertes Wissen ist ein reflektierter Umgang mit der eigenen Perspektive, der zu kollektiver Selbstermächtigung beiträgt. Reine Identitätspolitik tendiert dagegen dazu, die Suche nach Erkenntnis zugunsten einer statischen, oft diskursfeindlichen Gruppenidentität aufzugeben.
Warum Donna Haraway für uns heute eine wichtige Perspektive eröffnet
Donna Haraway ist eine Vordenkerin kooperativer Handlungsmacht. Ihr Ansatz reagiert auf die Fragen unserer Zeit und vermittelt drei wesentliche Einsichten:
- Unser Wissen ist politisch.
- Wir können individuelle Verletzlichkeit und begrenzte Sicht als Stärke für kollektive Bündnisse nutzen.
- Wir müssen wieder lernen, Wissensansprüche gemeinschaftlich zu formulieren, um der postpolitischen Gegenwart eine autonome, emanzipative Perspektive entgegenzusetzen.

In meinem Buch nehme ich die theoretischen Ansätze von Donna Haraway und verbinde sie u.a. mit der Theorie der Erfahrung von François Dubet, um nach den Anfängen einer widerständigen Praxis gegen die neoliberale Besetzung der Klugheit zu fragen. Mehr dazu in meinem Buch über die postpolitischen Konstellationen.
Philosophische Begleitung für Ihre Fragen: Die Auseinandersetzung mit situiertem Wissen und Handlungsmacht wirft oft persönliche Fragen auf: Wie finde ich meine eigene Position? Wie handle ich in komplexen Kontexten? In meiner philosophischen Begleitung gehen wir diesen Fragen gemeinsam nach.
Ein erstes Gespräch ist kostenlos und unverbindlich – ich freue mich auf Ihren Impuls.
1 Donna Haraway 1991: Reading Buchi Emecheta: Contests for ‚Women’s Experience‘ in Women’s Studies. In dies. 1991: Simians, Cyborgs and Women: The Reinvention of Nature. New York: Routledge, S. 109, Hervorhebung im Original