Ereignis oder Exodus. Ein Shootout mit dem Kulturpessimismus
Ganz gleich, ob eine Revolution oder nur eine Reform angestrebt wird: Gesellschaftliche Ordnungen tendieren dazu, sich gegen Veränderungen zu sträuben. Sie wollen nicht nur in ihrem Sein verharren und nach Ruhe und Ordnung streben, sondern sie statten sich auch mit Regeln aus, die Veränderungen erschweren. Seien es polizeiliche Ordnungsmittel oder politische Quoren: Auf verschiedene Weisen wird einer Veränderung der gesellschaftlichen Grundlagen entgegengewirkt. Gleichzeitig ist die Geschichte aber auch von politischen Neuordnungen geprägt.
Im Folgenden wird dieser Problematik nachgegangen, indem einige zentrale Probleme der Umgestaltung politischer Ordnungen im Allgemeinen beleuchtet werden. Als Ausgangspunkt dient eine Interpretation Alain Badious, die ihn als einen Anhänger Rousseaus ausmacht und diese Position ebenfalls den Leserinnen nahelegt. Diesem Ratschlag schließe ich mich nicht an. Vielmehr soll mit dem von Isabel Lorey vorgelegten Verständnis des Exodus eine alternative Perspektive auf politische Veränderungen eingenommen werden. Abschließend wird diese Perspektive auf John Fords Western „The Man Who Shot Liberty Valance” übertragen, um von dort aus zu einem möglichen Umgang mit Rousseau und Badiou zu gelangen.
Wir sollten keine Rousseauisten sein!
In seiner politischen Philosophie entwickelt Badiou mit dem Begriff des Ereignisses eine Position, die sich dem Problem der politischen Neuordnung stellt. In seiner umfangreichen Studie „Being and Event” widmet er sich verschiedenen Ansätzen zur Konzeptualisierung des Ereignisbegriffs, darunter auch Jean-Jacques Rousseaus „Gesellschaftsvertrag”.1 Simon Critchley setzt sich mit Badious politischer Philosophie auseinander und betont die große Nähe zwischen Badiou und Rousseau in der Begründung der konstitutiven Momente der Politik. Critchley sieht die Nähe in der voluntativen Begründung der Politik, mit der sich bei Rousseau der Gemeinwille konstituiert, sowie in der Übernahme dieses Voluntarismus bei der Ausdeutung des Ereignisbegriffs. In seinem Aufsatz zielt Critchley darauf ab, dass Badiou in seiner Begründung der Politik stärker von Rousseau als von Marx beeinflusst wurde. Dies macht er an dem voluntativen Konzept des Ereignisses fest. Critchleys Darstellung ist in diesem Punkt überzeugend, sie lässt uns jedoch mit der Frage zurück, warum wir ebenfalls Rousseau folgen sollten.2
Ausgehend von Rousseau sehen wir uns mit den unbefriedigenden Ergebnissen einer Politik konfrontiert, die sich aus ihren Anfängen heraus keine Auswege mehr weisen kann. Problematisch ist hierbei insbesondere die Frage, ob wir uns mit der Übernahme Rousseaus ebenfalls auf dessen pessimistische Haltung festlegen müssen.
Badious Haltung gegenüber Rousseau wird in dem Buch Being and Event in Meditation 32 deutlich.3 Badiou setzt sich darin mit dem Gesellschaftsvertrag Rousseaus auseinander, wobei sich sein Interesse besonders auf die Konzeption des politischen Aktes bei Rousseau richtet.
„Rousseau’s goal is to examine the conceptual prerequisites of politics, to think the being of politics. The truth of that being lies in ‚the act by which a people is a people‘.”4
Badiou benötigt einen realen kollektiven Akt, der sich in einem realen Ereignis niederschlägt, um zu einer Ausbildung der Politik zu gelangen. Rousseau dient ihm als Bezugspunkt, weil mit ihm erstmals ein modernes Verständnis der Politik umgesetzt wurde, das nicht auf einer im Sein fixierten Struktur basiert, sondern auf einen konstituierenden Akt im Ereignis zurückgeführt werden kann. Laut Badiou wird der Mensch durch diesen konstituierenden Akt jedoch nicht zu einem politischen Lebewesen. Vielmehr wird hier nur der übernatürliche Charakter des Ereignisses im Kontext einer zufälligen Politik sichtbar.5
In Rousseaus kontraktualistischer Gründungsgeste sind Elemente enthalten, die sich ebenfalls auf das von Badiou konzipierte Ereignis übertragen lassen. Rousseaus Konzeption des Gemeinwillens (volonté générale) setzt voraus, dass sich die Menschen in der Vergangenheit in einem kollektiven und einstimmigen Akt freiwillig einem Gemeinwillen unterworfen hätten.6 Für Rousseau ist entscheidend, dass dieser erste konstitutive Akt, durch den sich das Volk als Volk versteht, einstimmig war. Während weitere Entscheidungen dem Mehrheitsprinzip folgen, müssen bei dieser ersten konstitutiven Entscheidung alle dafür sein, dass Minderheiten im Zweifelsfall von einer Mehrheit regiert werden. Aus dieser Einstimmigkeit speist sich die Kraft und Bedeutung des Gemeinwillens, mit der der Gesellschaftsvertrag und seine Organisationsprinzipien eingesetzt wurden. Rousseau erkennt damit zwar an, dass diese Organisation von Menschen geschaffen wurde, er räumt ihnen jedoch keine Möglichkeit mehr ein, sich gegen diese Ordnung oder gar gegen den Gemeinwillen zu stellen. Dieser erste konstitutive Akt führt nicht nur zur Konstitution der Gesellschaft; seine Auswirkungen sind vielmehr darin gegenwärtig, dass der Gemeinwille nach wie vor auf der Seite des Rechts steht. Jeder Akt gegen den Gemeinwillen stellt ein Verbrechen dar.7 Aber ergibt diese Konzeption Sinn, zumal diese Idee eines Kontraktualismus aus dem Gemeinwillen heraus in einer unerreichbaren Vergangenheit liegt?
Badiou ist darin zuzustimmen, dass man mit Rousseau die politische Gründungsgeste als Ereignis erfassen kann. Mit dem Politischen sind wir jedoch auf einer Ebene, in der wir uns nicht nur einmalig, sondern ständig begegnen. Dieser Raum muss immer wieder neu ausgehandelt werden. In dieser Hinsicht ist Badious Konzeption des Politischen defizitär, denn der Begriff des Ereignisses führt nur bis zur Konstitution des Politischen, aber nicht darüber hinaus. Mit dem Ereignis wird der Anfang einer politischen Setzung von gesellschaftlicher Organisation greifbar. Im Anschluss daran stellt jedoch jede Organisation nur noch einen erstarrten Apparat dar, der keine weiteren Prozesse der politischen Ausgestaltung mehr zulässt.
Problematisch bei beiden Denkern ist somit, dass wir nach einer bewegten Fundierung des Politischen in einem unerwünschten politischen Zustand erstarren, der uns an den Anfang zurückversetzt. Badious Ereignis ist ein einmaliger Einbruch, der alles Weitere fixiert und keine emanzipative Haltung bereithält. Es ist nicht möglich, im Ereignis zu bleiben; vielmehr wird die erstarrte Lava des eruptiven Ereignisses in einem Sein fixiert, das nur durch einen neuen Ausbruch verändert werden kann. In dieser Hinsicht zeigen sich bei beiden Denkern pessimistische Grundhaltungen, die sich aus ihren Konzeptionen des Politischen ergeben. Rousseau sieht sich durch die kontraktualistische Konstitution der Gesellschaft in Ketten gelegt. Hieraus speist sich seine pessimistische Haltung gegenüber der bestehenden Politik und den Errungenschaften der Kultur, die keinen Fortschritt brachten, sondern uns in einer entfremdeten Position gegenüber unserem Naturzustand festhalten. Für Badiou resultiert das Ereignis in einem Diktat, von dem aus eine Lösung nur durch ein neues Ereignis möglich erscheint.
Was bei beiden nicht thematisiert wird, ist die Frage, warum das konstituierende Volk sich seiner mächtigsten Waffe, seiner konstituierenden Kraft, entledigt, nur um sich in einer unveränderbaren Position wiederzufinden, die nur durch eine neue Konstitution behoben werden kann. In einem Moment wurde eine politische Entscheidung getroffen und im nächsten hat sich diese in einer selbst fundierten Politik aufgehoben. Selbst wenn das gewalttätige Moment der Konstituierung berücksichtigt wird, wird nicht deutlich, warum das Volk sich diese Kraft nicht mehr selbst zuschreiben sollte. Dieses Messer ist nicht stumpf geworden, nur weil man einmal damit geschnitten hat.
In diesem Kontext sollte berücksichtigt werden, dass sich politische Organisation immer aus einem bereits politisch strukturierten Umfeld ergibt. Der Unterschied liegt in der Gründungsgeste, durch die sich durch den politischen Akt eines Ereignisses eine neue Konstitution ergibt, die sich auf eine neue Basis stützt und die Rancière als eine neue Aufteilung des Sinnlichen beschreibt.8 In der Gründungsgeste des Politischen brachte jeder seine eigene Stimme ein und alle einigten sich einstimmig darauf, sich der volonté générale zu unterwerfen und sich hier zu konstituieren. Der hier begründete Konflikt kann mit Rancière auf die aristotelische Unterscheidung von phone und logos zurückgeführt werden, um das Erstarren des Politischen zu beschreiben. Rancière sieht die Lösung im Dissens begründet, der sich gegen eine konsensuale Polizeilogik wendet.9 Somit bleibt für den Moment fraglich, ob wir wirklich gut beraten sind, Rousseau zu folgen, wenn sein Kontraktualismus uns zwar mit einer Begründung des Politischen ausstattet, das Ergebnis des volonté générale unsere Handlungsmöglichkeiten aber einschränkt. Mit Rousseau und Badiou können wir uns nur auf dieses Moment stützen: Bei Rousseau liegt es am Übergang vom Natur- in den Gesellschaftszustand, bei Badiou ist es das Aufbrechen des Seins durch das Ereignis.
Mit Rancière ist allerdings zu bezweifeln, ob Rousseau und Badiou die phone wieder hörbar werden lassen können. Beide Konzeptionen sind mit Schwierigkeiten verbunden, die unsere möglichen Perspektiven einschränken. Nach Rousseau ist jeder Protest gegen den Gemeinwillen ein vergeblicher Schlag und zu bestrafen. Das eigentliche Ereignis der Konstitution des Politischen in einem Gemeinwillen liegt für ihn in einer unerreichbaren Vergangenheit, die über ihre theoretische Konzeption als Gemeinwillen zugänglich ist. Da er sich dieser Vergangenheit nicht mehr stellen kann, flüchtet er sich in Pessimismus gegenüber dem ausgestalteten Gemeinwesen – und, wie bekannt, ebenfalls gegenüber der Kultur.
„Kulturkritik lebt spätestens seit Rousseau von dem Gefühl der Verletzungen des Individuums durch Gesellschaft und Geselligkeit einerseits und der Erfahrung der Aussichtslosigkeit, diese Verletzung mit Aussicht auf Erfolg kommunizieren zu können, andererseits.“10
Für Badiou sind die konstitutiven Ereignisse des Politischen hingegen nicht in einer unerreichbaren Vergangenheit, sondern in der neueren Geschichte auszumachen. Seine Standardbeispiele für ein Ereignis sind der Aufstand der Pariser Kommune von 1871, der Ausbruch der russischen Revolution von 1917 und der Aufstand der Kommune von Schanghai von 1967, da es seiner Meinung nach zu diesen Zeitpunkten zu einer kollektiven politischen Selbstbestimmung gekommen ist.11 Allein diese Auswahl deutet problematische Aspekte des Ereignisbegriffs an. Indem andere Momente außen vorbleiben, zeigt sich an diesen Beispielen ebenfalls, dass hier zwar das Ereignishafte eines Widerstandes gedacht wird, im Anschluss diese Revolte aber in einer Diktatur erstickt, die sie selbst geschaffen hat.
Dieser Punkt wird von Critchley in seiner Gegenüberstellung von Rousseau und Badiou kritisch aufgegriffen, da bei beiden Denkern das Politische in einer diktatorischen Form endet.12 Rousseau sieht sich durch den Despotismus der Freiheit in Ketten gelegt. Badiou verschiebt diesen Despotismus auf die Seite der Gleichheit und kritisiert die Disziplinierung der Bürger (citizenry discipline) durch die Organisation des politischen Willens, wie sie sich in Marx‘ Position manifestiert, dass die Diktatur die natürliche Organisationsform des politischen Willens sei.13
Um diesen Punkt anzugehen, stützt sich Critchley auf Badious Verständnis der Philosophie als einer affirmativen und konstruktiven Disziplin des Denkens. Dadurch ergeben sich Möglichkeiten für eine Ausgestaltung des Politischen, die mit einer Ordnung brechen kann, auch wenn dieser Bruch im Ereignis nur temporär ist.14 Critchley will nicht den Weg mit Rousseau und Badiou in die Diktatur gehen. Er sieht in Badious Haltung eine fehlgeleitete Nostalgie gegenüber der revolutionären Gewalt. Dagegen positioniert Critchley eine Kultivierung des Friedens.15 Dazu geht Critchley in seinem Aufsatz den Weg über die utopische Konzeption des Politischen, die er in Badiou ausmacht. Badiou erscheint dann als utopischer Denker, der wenigstens auch eine andere Welt vorschlagen und träumen will. Es bleibt somit zunächst fraglich, welche Anschlussmöglichkeiten sich innerhalb von Rousseau und Badiou für eine solche friedliche Politik ergeben.
Eine anschlussfähige Haltung skizziert Badiou in dem Text „The Communist Hypothesis“, in dem er die kommunistische Hypothese als regulative Idee im Sinne Kants charakterisiert.16 Mit der kommunistischen Hypothese verbindet Badiou die grundlegende Position, dass eine andere kollektive Ordnung möglich ist. Bei der Ausformulierung dieser kollektiven Ordnung wählt Badiou die mit dieser globalisierungskritischen Haltung einhergehende Position, dass es nur eine Welt gibt, in der wir alle leben. Badiou sieht in dieser Haltung eine wählbare Position, die durch ihre Wahl eine performative Kraft und Wirkung entfaltet. Für ihn ist dies jedoch keine wirkliche Wahl, da sie einen wichtigen Bestandteil gegenseitiger Anerkennung transportiert.
„These people, different from me in terms of language, clothes, religion, food, education, exist exactly as I do myself; since they exist like me, I can discuss with them – and, as with anyone else, we can agree and disagree about things. But on the precondition that they and I exist in the same world.”17
Für Badiou eröffnet sich damit nur ein Spielraum, in dem sich Politik entfalten kann. In dieser einen Welt müssen alle zueinanderfinden oder sich zumindest einen Platz zueinander zugestehen. Wer sich gegen diese Haltung auf die Karte der kulturellen Differenzen und das Bedingungen formulierende Konzept der Integration einlässt, hat diese gemeinsame Basis bereits verlassen, insofern damit kulturelle Vorbedingungen für die Existenz in einem Raum geschaffen werden:
„The single world is precisely the place where an unlimited set of differences exist. Philosophically, far from casting doubt on the unity of the world, these differences are its principle of existence.”18
Im Politischen sind wir auf vermittelnde Formen der Ausgestaltung des Konfliktes angewiesen. Jede Form des Strebens nach Anerkennung ist letztlich diktatorisch. In dieser Figur besteht die wesentliche Macht und größte Furcht zugleich darin, dass diese Anerkennung versagt wird und der Widerständige sich in dieser Position als machtvoll erlebt. Dieses Entziehen von Macht und Anerkennung ist jedoch nur partiell hilfreich: Soziale Probleme können auf diesem Weg sichtbar gemacht und als Protest erlebt werden, dem sich wiederum eine kollektive Gründungsgeste anschließt. Mit diesem Punkt wird jedoch ein Moment der Rückkehr in eine neue Gesellschaft beschrieben, den man mit Badiou nicht denken kann. Zwar entwickelt er einen Punkt, an dem sich die Menschheit als Ganzes betrachten soll, zeigt jedoch nicht, wie aus einer lokalen und widerständigen Praxis heraus wieder ein Anschluss an die Gemeinschaft gefunden wird.
Anschluss an eine Welt nach dem Ereignis
Die Sichtweisen Rousseaus und Badious, die sich auf die Einstimmigkeit eines kollektiven Gemeinwillens oder den Ereignischarakter richten, überdecken einen Aspekt, der mit Isabell Loreys Gedanken des Exodus besser erfasst werden kann. In ihrer Studie „Figuren des Immunen”19 wirft sie einen neuen Blick auf die Probleme der Ausgestaltung des Politischen. Bemerkenswert an dieser Studie ist die Etablierung einer widerständigen Politik, die sich nicht in der Etablierung einer umfassenden Souveränität erschöpft und den Gedanken einer gemeinsam geteilten Welt beibehält. Lorey verwendet den Begriff des Exodus, um zu zeigen, wie sich ein Teil der Gesellschaft gegen die bestehende Ordnung stellt und sich im Exodus von ihr verabschiedet. In ihrer Studie untersucht Lorey den Konflikt zwischen Patriziern und Plebejern und stellt dabei heraus, dass sich die Plebejer nach ihrem Exodus aus Rom nicht vollständig von den Gesetzen und der Ordnung der römischen civitas lösen. Damit behandelt sie ein durchaus widerständiges Moment in der plebejischen Auseinandersetzung mit der politischen Ordnung der Patrizier. Der beschworene Souveränitätsanspruch der Plebejer ist jedoch nicht total. Zwar finden sie sich außerhalb der Stadt Roms auf dem Aventinischen Hügel wieder, in ihrer konstitutiven Verfassung verweisen sie jedoch weiterhin auf die Ordnung der Stadt Rom. Dies zeigt sich beispielhaft anhand der Übernahme der sakralrechtlichen consecratio, mit der Ämter und Tätigkeiten verbunden waren, die für Plebejer zuvor nicht zugänglich waren.20
Am Beispiel des Exodus der Plebejer zeigt sich, wie politische Handlungsfähigkeit zurückgewonnen werden kann. Der Exodus stellt die gegebene Ordnung infrage und eröffnet damit neue Perspektiven auf eine politische Selbstdisziplinierung. Dieses Verständnis des Exodus kann verwendet werden, um die Transgression von einer gesellschaftlichen Ordnung in eine andere darzustellen. Mit dem Konzept des Exodus, das auf eine neue Ausgestaltung des Politischen ausgerichtet ist, verbindet sich eine Restrukturierung der politischen Ordnung. Diese Ausgestaltung des Politischen ist mit Autonomie verlangenden und fördernden Elementen verbunden. Hier stellt sich das Problem der Begründung von Autonomie. Wird Autonomie als Form der Selbstgesetzgebung begriffen, muss sie nicht vollständig autonom sein, sondern ihre zu befolgenden Gesetze selbst gewählt und am besten selbst mitgeschaffen haben. Der Exodus der Plebejer ist kein Auszug aus Ägypten in ein gelobtes Land, sondern von Anfang an auf eine Rückkehr ausgelegt – nur unter anderen Bedingungen und nach einer neuen Bestimmung der politischen Ordnung.
In dieser Hinsicht kann Loreys Gedanke des Exodus mit Badious Forderung nach einer gemeinsamen Welt in Verbindung gebracht werden. Wenn es nur eine Welt gibt, ist es nicht mehr so einfach, sich der Gesellschaft zu entziehen. Mit dem Gedanken des Exodus ist stets auch die Vorstellung verbunden, dass wir immer wieder in die Gesellschaft zurückfinden müssen. Es gibt die Option auf gewaltsame Abspaltung, daher kann sich der verlassene Teil einer Gemeinschaft nicht darauf verlassen, dass die Ausziehenden auch wirklich wieder kommen. Doch der Ausgangspunkt der einen Welt legt eine gemeinsame Lösung nahe.
Mit Lorey wird allerdings ebenfalls deutlich, dass ein moderner politischer Exodus nicht einfach umzusetzen ist. Es gibt kein Gelobtes Land, nur die alten Nachbarn, zu denen man zurückkehren kann und mit denen man ein neues Auskommen finden muss. Die Geste der Versagung, die im Exodus und dem Entzug der Anerkennung einer gegebenen Souveränität begründet liegt, ist eine über dem Politischen schwebende Drohung. Mit ihr können einzelne Ausformungen des Politischen angegriffen werden. Ein vollständiges Entsagen ist jedoch nicht denkbar, solange es einen sozialen Bereich gibt, der weiter besteht. Jede Bewegung, die auszieht, ist auf eine Rückkehr oder vergleichbare Formen der Versöhnung mit der Gesellschaft angewiesen.
John Wayne als Held der Überwindung des Pessimismus.
Wir haben gesehen, dass wir mit einem konstituierenden Ereignis etwas verändern können. Laut Badiou ist nur so eine Änderung möglich. Damit schwingt jedoch zugleich mit, dass danach wieder alles beim Alten ist. Dann sind die sich auflehnenden Kinder nur dort angekommen, wo ihre Eltern schon waren. Mit dieser Einsicht verbindet sich ein Moment der Versöhnung, der nach dem Exodus eine Rückkehr wieder denkbar werden lässt. Hier eröffnen sich Möglichkeiten, den in Rousseau inhärenten Pessimismus zu überwinden und einen Rückweg in die neue Gesellschaft zu finden, der den Exodus beendet.
Ein wörtlicher Exodus aus den bestehenden nationalstaatlichen Ordnungen ist nur noch schwer vorstellbar. Die mit der Figur des Exodus verbundenen Schwierigkeiten lassen sich daher besser anhand eines Beispiels darstellen, das auf individueller Ebene angesiedelt ist. Ein solcher Konflikt zeigt sich auf individueller Ebene im Film, im Western „The Man Who Shot Liberty Valance”. John Fords Spätwestern aus dem Jahr 1962 zeichnet ein gebrochenes Bild der Vertreter des Wilden Westens, die in einer Zeit des Übergangs leben und sich in einer Situation zurechtfinden müssen, in der sie als Protagonisten verschiedener politischer Ordnungen aufeinandertreffen. Im Film kommt Ransom Stoddard, dargestellt von James Stewart, als Vertreter einer neuen Ordnung und eines neuen Politikverständnisses in eine Region, die von dem unzivilisierteren Cowboycode beherrscht wird. Zentrale Vertreter dieser Ordnung sind Tom Doniphon (John Wayne) und Liberty Valance (Lee Marvin). Der junge Abgeordnete Stoddard wird von Valance provoziert und angegriffen. Doniphon kritisiert Stoddards Manieren und Schwächen und rät ihm, sich auf der Ebene des Cowboycodes zu wehren, also zur Waffe zu greifen und sich Valance zu stellen. Darauf reagiert Stoddard erbost: Er will Valance nicht erschießen, sondern vor Gericht stellen. Doch Stoddard erhält keine Unterstützung, sodass er sich letztlich auf die Ebene der alten Ordnung begibt, um sich ehrenhaft über den Haufen schießen zu lassen.
Der Konflikt eskaliert und Stoddard gerät in eine ausweglose Situation. Er ist bereits angeschossen und greift mit der Hand zum Revolver, um sich Valance auf der Ebene der alten Ordnung zu stellen und den Konflikt mit Waffengewalt zu lösen. In dieser Situation ist es jedoch nicht Stoddard, der trifft, sondern Doniphon, der Valance aus dem Verborgenen heraus erschießt. Stoddard gilt jedoch fortan als der Mann, der Liberty Valance erschossen hat, und erlangt dadurch Popularität, mit der er später zum Abgeordneten gewählt wird.
Doniphone verhilft als Vertreter der alten Ordnung der neuen Ordnung zum Durchbruch – in direkter Verletzung der Regeln des Cowboycodes. Dies gelingt jedoch erst, nachdem Doniphone seine eigenen Werte infrage gestellt und aufgegeben hat. Dieses Moment steht für eine anschlussfähige Verbindung zur neuen Ordnung, auch wenn sie letztlich von beiden Ordnungen abgelehnt wird. In beiden Fällen handelt es sich um einen heimtückischen Mord. Auf der Ebene des Cowboycodes kann sich Stoddard seine Position nach außen hin sichern, da dieser Mord innerhalb dieser Regeln als legitim angesehen wird. Für Stoddard bleibt es jedoch eine Überschreitung der neuen Regeln. Nur durch den Rückgriff auf den Schein der alten Ordnung kann eine neue Ordnung entstehen. Für diesen Übergang bedarf es eines Mittlers, der sich der alten Ordnung entsagt und diese in einem gegen sie gerichteten Akt aufgibt, um der neuen Ordnung einen Platz einzuräumen. In dieser haben alte Westernhelden keinen Platz mehr. Stoddard ist der Einzige, der weiß, wer Liberty Valance wirklich erschossen hat, und er will die Geschichte richtigstellen. In einer klassischen Antwort gibt ein Verleger, der die Geschichte von Stoddard erzählt bekommt, die Antwort: „If the legend becomes fact, print the legend!“
Das Moment des Exodus zeigt sich hier auf zwei Ebenen. Der erste Exodus zeigt sich im Bestreben der neuen gesellschaftlichen Ordnung, sich von der bestehenden Codierung der Lebenswelt im Wilden Westen zu lösen. Die neue Ordnung löst sich von der alten und schafft neue Institutionen: den Sheriff, Jurys und Gerichte. Es gilt nicht mehr als ehrenhaft, einen Menschen im Zweikampf zu erschießen. Nur weil jemand schneller zieht, ist er kein besserer Mensch. Vielmehr gilt jetzt: Wer ein Verbrechen verübt, muss durch ein ordentliches Gericht verurteilt werden. Mit der Durchsetzung dieser neuen normativen Ordnung vollzieht sich ein grundlegender Wandel der Gesellschaft im Wilden Westen. Nach dem Exodus und der Reorganisation der Gesellschaft müssen jedoch die alte und die neue Ordnung wieder zusammenfinden.
Auf einer zweiten Ebene steht der Exodus der alten Ordnung: Doniphone spürt, dass er in der neuen Gesellschaft keinen Anschluss mehr finden wird. Er zieht sich auf seine Ranch zurück und weiß, dass diese neue Ordnung keinen Platz mehr für ihn bereithält. Am Ende unterstützt er sie, weil er eingesehen hat, dass auch er zurückkehren muss. Er kann nicht außerhalb der neuen Ordnung stehen bleiben. Letztlich verhilft er ihr zum Durchbruch, indem er in der entscheidenden Situation seine eigene Ordnung überschreitet. Für ihn sind die Konsequenzen am härtesten, denn die neue Ordnung hat für Revolverhelden keinen Platz mehr. Als Held der Stunde erhält Stoddard nicht nur die Pfründe der neuen Ordnung, sondern auch die Frau, für die Doniphon zuvor Gefühle entwickelt hatte.
Alternative Anschlüsse für Rousseau an die Moderne
Mit Rousseau stehen wir an einem Ausgangspunkt der Moderne. Rousseau gibt uns theoretische Bausteine an die Hand, welche uns in einen Kontraktualismus versetzen, aber zugleich den Naturzustand noch mit dem edlen Wilden bevölkert, uns den Fesseln der Gemeinschaft ausgesetzt sieht und sich in seiner Haltung auf die kulturpessimistische Seite schlägt. Wenn wir mit Badiou zu diesem Ausgangspunkt zurückkehren und feststellen, dass es keinen Weg über das Ereignis hinaus gibt, in dem sich das Politische weiterhin konstituieren kann, dann sollten wir Critchley nicht zustimmen, sondern nach anderen Ausgangspunkten suchen. Denn es ist nicht aus den Augen zu verlieren, dass Rousseau mit seiner Begründung des Politischen einen Ausgangspunkt nimmt, der zu einem unvorteilhaften und nicht anschlussfähigen Verständnis der Politik führt. Mit diesem Verständnis war Rousseau unzufrieden. Rousseau drückt seinen Kulturpessimismus deutlich und prominent aus. Dieser Pessimismus beraubt ihn jedoch seiner Handlungsfähigkeit, wenn er sich in seiner Kritik keine Alternativen erschließt. Hilfreich wäre ein Kulturpessimist, der sich seine Handlungsmöglichkeiten bewahrt. Jemand, der in der Lage ist, sich in einer Gesellschaft zu sehen, deren Grundfesten erschüttert werden, und der sich gezwungen sieht, einer neuen Ordnung zum Durchbruch zu verhelfen – auch wenn noch nicht abzusehen ist, welchen Platz diese Ordnung ihm zuweisen wird.
Eine solche Einstellung erfordert eine reflektierte Einschätzung der eigenen Situation. Wir können uns hierbei auf Rousseau stützen, um einen Punkt zu erreichen, an dem sich neue Möglichkeiten eröffnen. Dieses Verständnis stößt jedoch sofort an seine Grenzen, denn Rousseau kann die Prozesse nicht erkennen, denen sich der Mensch in seiner performativen Ausgestaltung des Politischen immer unterwirft und in denen er immer eingebunden ist. Diese fehlende Denkfigur kann man Rousseau natürlich nicht zur Last legen, aber mit seiner pessimistischen Grundhaltung gegenüber der Kultur nimmt er sich die Möglichkeit, sich in einer modernen Welt zurechtzufinden. Denn Künste und Wissenschaft, die für Rousseau den Naturzustand verschleiern, eröffnen anschlussfähige Optionen. Dies sieht Rousseau in seiner Verklärung des Naturzustandes jedoch nicht.
Wir können immer wieder zu Rousseau zurückkehren, aber um es mit Badiou zu sagen: Es genügt nicht, nur ein Ereignis zu erzeugen, das uns in einer neuen Ordnung erstarren lässt. Ebenso wichtig ist es, wieder den Weg in die Gesellschaft hinein zu finden. Das Ereignis darf sich somit nicht schlicht gegen die Gesellschaft stellen, sondern muss in sie hineinführen, um sie auf einer neuen Ebene mit neuen Institutionen und in neuen Formen wiederzufinden. Badiou versucht, sich von Rousseaus pessimistischer Haltung zu befreien. Für ihn gilt es, immer wieder zu den Momenten des Ereignisses zurückzukehren, um die kollektive Geste, die diesem zugrunde liegt, zu erfassen. Damit stellt Badiou die Bedeutung von gesellschaftlichen Umbrüchen immer wieder heraus. Aus seinem Text „The Communist Hypothesis” wird jedoch deutlich, dass er dieses Moment anders als Rousseau nicht vollständig pessimistisch auslegt.
Er hält eine versöhnende Geste für denkbar, bei der die Beteiligten zusammengebracht werden. Die Basis dieser Gesellschaft muss immer wieder neu ausgehandelt werden und dabei stets zu dem Punkt zurückfinden, den Badiou mit der regulativen Idee einer gemeinsamen Welt ausdeutet. So wird immer wieder ein gemeinsamer Ausgangspunkt für eine neue Ordnung geschaffen.
Eine alternative Antwort auf den Kulturpessimismus Rousseaus greift den „edlen Wilden” Rousseaus an und fragt, inwiefern dieser einen Beitrag zur Aufrechterhaltung der Kultur leistet und ob auch er gezwungen ist, hinter seine eigene Natur zurückzutreten, um einen eigenen Weg zur Kultur zu finden. Doniphone alias John Wayne kann dann als ein moderater Caliban auftreten, der erkannt hat, dass der Exzess der alten Ordnung in der modernen Gesellschaft, in der Kultur, nicht mehr vorgesehen ist. Er stützt die Kultur auf die einzige Weise, die er beherrscht: mit Gewalt – und bricht dabei direkt mit den Konventionen seiner Welt. Es wäre spannend, sowohl Rousseaus als auch Badious Konzeptionen der Gewalt mit diesen Elementen aufzuschlüsseln.
Literaturverzeichnis
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- Badiou, Alain (2008): The Communist Hypothesis. In: New Left Review 49, S. 29–42. Online verfügbar unter http://newleftreview.org/?getpdf=NLR28302&pdflang=en.
- Badiou, Alain (2010): The Communist Hypothesis. London: Verso. Badiou, Alain; Winter, Cécile (2006): Polemics. London, New York: Verso.
- Baecker, Dirk (2003): Wozu Kultur? 3. Aufl. Berlin: Kulturverl. Kadmos. Critchley, Simon (2008): Why Badiou Is a Rousseauist and Why We Should Be Too. In: Cardozo Law Review 29 (5), S. 1927–1934. Online verfügbar unter http://www.cardozolawreview.com/index.php?option=com_content&view=article&id=94:table-of-contents-29-5&catid=3:tables-of-contents.
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- Rancière, Jacques (2008): Die Aufteilung des Sinnlichen. Die Politik der Kunst und ihre Paradoxien. 2. Aufl. Hg. v. Maria Muhle. Berlin: b_books Verl (Reihe PolYpeN), S. 21–73.
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Fußnoten
1Vgl. Badiou 2005a, S. 344–354; Rousseau 1986.
2Critchley 2008, S. 1929ff.
3Badiou 2005a, S. 344–354.
4Badiou 2005a, S. 344. Hervorhebung im Original. Badiou zitiert hier aus dem Gesellschaftsvertrag, Buch I, Kapitel 5, vgl. Rousseau 1986, S. 16.
5Badiou 2005a, S. 345.
6Für Rousseau ist bedeutsam, dass dieser erste konstitutive Akt, durch den sich das Volk als ein Volk versteht, einstimmig war. Weitere Entscheidungen folgen dem Mehrheitsprinzip, aber in dieser ersten konstitutiven Entscheidung müssen alle dafür sein, dass Minderheiten im Zweifelsfall von einer Mehrheit regiert werden.
7Rousseau 1986, S. 30 Buch II, Kapitel 3.
8Vgl. Rancière 2008.
9Vgl. Rancière 1999, S. 21–42; Rancière 2010, S. 37ff.
10Baecker 2003, S. 169.
11Vgl. Badiou 2010.
12Vgl. Critchley 2008, S. 1331f.
13Vgl. Badiou 2005b, S. 10.
14Vgl. Critchley 2008, S. 1928.
15Vgl. Critchley 2008, S. 1331f.
16Vgl. Badiou 2008, S. 35.
17Badiou 2008, S. 39.
18Badiou 2008, S. 39.
19Vgl. Lorey 2011.
20Vgl. Lorey 2011, S. 67–74.