Wie Gesellschaften sich selbst erfinden – Castoriadis und die Macht der Imagination
Cornelius Castoriadis ist mir zuerst in der Auseinandersetzung mit dem aristotelischen Begriff der „phantasia” begegnet. In einem Text verbindet Castoriadis seine eigene Theorie der Imagination mit der aristotelischen Philosophie und macht in Aristoteles‘ Werk „Über die Seele” einen radikalen Begriff der schöpferischen Imagination aus, der eine sehr weite Interpretation der spärlichen textlichen Überlieferung vorschlägt.1 Seiner Interpretation bin ich nicht gefolgt, seine Ausführungen zum radikalen Imaginären und den damit verbundenen philosophischen und politischen Fragestellungen fand ich allerdings bestechend.
Castoriadis’ Verständnis des radikalen Imaginären setzt bei den Beziehungen zwischen Denken und Welt an. Als Philosoph, Psychoanalytiker und politischer Aktivist zielt er auf den Punkt, an dem Begriffe, Formen und Konzepte erst gebildet werden. Die konstitutive Aufgabe, die er der radikalen Imagination zuspricht, geht dabei weit über die repräsentationale Aufgabe typischer Konzeptionen der Imagination hinaus: Er zielt auf die kreative Schöpfung neuer, gesellschaftlich wirksamer Bedeutungen. Eine ausführlichere Einführung in sein Denken habe ich in meinem Buch Dem Chaos eine Form geben vorgelegt.
„Das Imaginäre, von dem ich spreche, ist kein Bild von. Es ist unaufhörliche und (gesellschaftlich-geschichtlich und psychisch) wesentlich indeterminierte Schöpfung von Gestalten/Formen/Bildern, die jeder Rede von >etwas< zugrundeliegen. Was wir >Realität< und >Rationalität< nennen, verdankt sich überhaupt erst ihnen.“2
Mit den imaginären Bedeutungen der Gesellschaft erschließt Castoriadis die Relationen zwischen Individuen und sozialen Institutionen. Die individuell geschaffenen Formen spiegeln sich in den institutionalisierten Formen der Gesellschaft wider: Moral, Normen, Gesetze und Institutionen sind alles Erfindungen der Menschen. Ihnen liegen Formen über die Welt und die Relationen der Menschen untereinander in der Welt zugrunde, die Castoriadis als imaginäre Bedeutungen bezeichnet.
Es gibt nicht nur ein bestimmendes Muster, nach dem sich eine Gesellschaft erschließt. Über eine Identifikation der verschiedenen imaginären Bedeutungen einer sozialen Gemeinschaft erschließt sich eine breit angelegte Theorie der Gesellschaft. Mit diesen imaginären Bedeutungen der Gesellschaft bleibt Castoriadis als Denker spannend, da sie die kognitiven und sozialen Dimensionen einer Gesellschaft erschließen, mit denen sich ihre jeweiligen sozialen und politischen Ordnungen etablieren. Er zeigt zugleich die Bedingungen auf, unter denen sich die imaginären Bedeutungen einer Gesellschaft verändern können, und verdeutlicht, dass neue kreative Schöpfungen ein Weg sind, um neue soziale Realitäten zu schaffen.
Wenn Sie tiefer in Castoriadis‘ Denken einsteigen möchten, bietet mein Buch Dem Chaos eine Form geben einen zugänglichen Einstieg in seine Biografie und sein philosophisches Werk – hier können Sie es bestellen oder probelesen.
1Cornelius Castoriadis 1994: The Discovery of the Imagination, in Constellations, Bd. 1, Nr. 2, S.183-213.
2Cornelius Castoriadis 1984: Gesellschaft als imaginäre Institution. Entwurf einer politischen Philosophie.