Autonomie braucht Solidarität
Solidarität ist ein Grundpfeiler der Autonomie. Das ist für mich eine unhintergehbare Intuition. Sie prägt meine philosophischen Positionen und politischen Haltungen. Ohne Formen eines solidarischen Miteinanders zerfällt unsere Fähigkeit zur Selbstbestimmung. Für diese Intuition zu argumentieren, ist jedoch wesentlich komplizierter.
Die klassischen Argumentationen verbinden Autonomie und Solidarität meist auf eine andere Weise oder tauschen die Begriffe gleich aus. Im Liberalismus wird aus der Autonomie schnell die Freiheit, die gegen die einzwängenden Bindungen des Sozialen hervorgehoben wird. Dabei geht es der Autonomie nicht in erster Linie um Freiheit. Wer hier sofort an Freiheit denkt, blendet die sozialen Gefüge aus, in denen Freiheit und Autonomie erst entstehen können.
Mein Nachdenken darüber ist daher von zwei Thesen geprägt. Zum einen ist Autonomie immer sozial eingebettet und zum anderen ist Solidarität eine Voraussetzung für Autonomie. Autonomie sollte immer inklusiv gedacht werden, das heißt, es sollte auch darum gehen, die Möglichkeiten zum autonomen Handeln anderer zu fördern. Dazu braucht es gerechte, solidarische und nachhaltige Bedingungen, die solidarische Praktiken zur Förderung der Autonomie stärken.
Diese Intuition möchte ich in den kommenden Texten eingehender darlegen. Sie ist nicht neu, sondern baut auf meinen bisherigen Auseinandersetzungen auf.
Bereits für Spinoza war die Ansicht prägend, dass Menschen das Wohl anderer fördern sollten, da das Wohl des Einzelnen untrennbar mit dem Wohl der Gemeinschaft verbunden ist. Zwar hat Spinoza keinen Begriff von Solidarität, doch gerade der Gedanke der Verbindung zwischen den Menschen ist ein zentraler Aspekt seines politischen Denkens.
Bei Cornelius Castoriadis findet sich ein radikales Verständnis von Autonomie als sozialem, kollektivem Projekt. Autonomie bedeutet für ihn, bestehende soziale Strukturen und Abhängigkeiten zu hinterfragen, sich davon zu emanzipieren und Strukturen und Institutionen zu schaffen, die Freiheit, Gleichheit und gemeinsame Verantwortung fördern. Solidarität wird bei ihm zur notwendigen Bedingung und Folge von Autonomie.
Wie Kooperation heute aussehen kann und welchen Widerständen sie begegnen kann, habe ich bereits gezeigt. In meinem zukünftigen Buchprojekt möchte ich eine sozial-libertäre Grundlegung eingehender formulieren, um dieser politischen Intuition eine argumentative Basis zu geben.